Gastvortrag
14/04/2025
18:00 Uhr
Bernhard Stricker: Kleine Formen des Konflikts. Jean Paulhan und die madagassische Spruchdichtung
DOR 24
Raum 1.201
Im Zentrum der ethnographischen Texte von Jean Paulhan (1884-1968), dessen Ruhm heute vor allem auf seiner Bedeutung als langjähriger Redakteur der Nouvelle Revue Française beruht, stehen die hain-teny, eine Form der madagassischen Volkspoesie, mit der Paulhan im Zuge seines dreijährigen Aufenthalts als Lehrer auf Madagaskar (1908-1910) in Berührung kommt. Die Entdeckung dieser mit Sprichwörtern (ohabolana) verwobenen oralen Dichtung wird für Paulhan zum Anlass einer über 30 Jahre hinweg andauernden Reflexion poetologischer Fragen, die den französischen Avantgarde-Bewegungen wesentliche Impulse vermittelt und schließlich in Paulhans Wiederentdeckung der Rhetorik in seinem theoriegeschichtlich bedeutsamen Essay Die Blumen von Tarbes oder der Terror in der Literatur (1936/41) mündet. Der Vortrag leitet Paulhans kritische Revision des literarischen Stellenwerts von ›Gemeinplätzen‹ von seinen Beobachtungen darüber her, wie diese in der madagassischen Spruchdichtung als Mittel der Aushandlung von Konflikten funktionieren.